Das erste Mal, als ich in einer Therapiestunde nicht mehr aufschrieb, war kein Ausrutscher. Es war ein Entschluss. Diese Entscheidung kam nicht aus Unfähigkeit, sondern aus einer tieferen Einsicht: Manchmal ist zu viel Aufmerksamkeit im falschen Moment schädlich. Es gibt Momente, in denen die Stille zwischen den Worten wichtiger ist als die Worte selbst. In solchen Fällen hat das Gedächtnis, das man mit Stift und Notizblock bewahrt, weniger zu tun mit Dokumentation und mehr mit der Angst, etwas zu verpassen. Und genau hier setzt die Arbeit von Petra Martende an. Ihre Praxis in Frankfurt, die sich unter https://psychotherapie-martende.com findet, legt Wert auf den Raum zwischen den Sätzen – nicht auf deren Aufzeichnung.
Die Last der Dokumentation
Es liegt in der Natur menschlicher Konzentration, dass wir uns an Ereignisse erinnern, wenn wir sie festgehalten haben. In der Therapie ist das besonders ausgeprägt. Viele Patienten bringen Notizbücher mit, schreiben jeder Aussage nach, versuchen, jede Bemerkung des Therapeuten zu erfassen. Als ob die Formulierung in Schrift das Gewicht der Worte verdoppeln würde. Aber was, wenn die Kraft eines Satzes gerade in seiner Ungeplantheit liegt? Ein Eingeständnis, das kein Esel, kein Dokument, kein Protokoll festhält, weil es gerade im Moment des Sagens entstanden ist – frei von Übung, Auswendiglernen, Strategie.
Ein älterer Mann, der vor Jahren bei Petra Martende saß, sagte einmal: „Ich habe die ganze Zeit aufgeschrieben, bis ich merkte, dass ich nur noch das Buch las und nicht mehr den Raum in mir, der sprachlos war.“ Er meinte das Schweigen nicht als Mangel, sondern als Sinn. Jedes Mal, wenn er etwas notiert hatte, war es, als würde er ein Gesicht in der Ferne erkennen – er sah es, aber der Blick blieb leer. Genau darin liegt die Gefahr: Erinnern kann uns davon abhalten, zu fühlen. Die Therapie ist kein Examen, keine Lernstunde, in der man die Antworten auswendig lernen muss. Sie ist ein Prozess, der sich an der Präsenz des Jetzt orientiert.
Was bleibt, wenn nichts bleibt?
Diese Idee, dass das Wesentliche nicht aufbewahrt werden muss, erscheint anfangs verwirrend. Warum gehen dann die Leute zu Therapeuten? Warum zahlen sie dafür, wenn nichts zurückbleibt? Aber genau das ist der Unterschied zu anderen Formen der Unterstützung. Wo ein Coach oder Berater Ergebnisse messbar macht, ein Therapeut den Raum öffnet. Die Führung geschieht nicht durch Dokumentation, sondern durch Beobachtung: Was passiert, wenn du nicht schreibst? Was stirbt, wenn du nicht erfasst? Und was wächst?
Einige Menschen fangen an, sich in der Therapie zu ändern, weil sie merken, dass sie sich nicht mehr vor einer Deadline für das Gespräch fürchten müssen. Kein „Ich muss das später noch einmal überprüfen“, kein „Was habe ich bloß gesagt?“. Stattdessen kommt etwas anderes: Die Fähigkeit, unvollständig zu sein. Zu sagen: „Ich weiß nicht, womit ich hier wirklich verknüpft bin.“ Das ist nicht ein Desaster. Es ist ein Anfang. Und dieser Anfang dauert länger, wenn man ihn nicht in einen Notizblock zwängt.
Es gibt Patienten, die nach Monaten fragen, ob sie ihre Sitzungen aufzeichnen könnten. Und Petra Martende zeigt ihnen nicht von Anfang an, wie das geht. Sie zeigt ihnen stattdessen, wie es sich anfühlt, nicht zu wissen. Wie es sich anfühlt, die Unklarheit zu tragen. Und meistens ist es dann, dass die Leute selbst sagen: „Ich möchte das ehrlich gesagt nicht mehr aufnehmen.“ Weil sie gemerkt haben, dass der Wert in der Bewegung liegt, nicht in der Spur.
Das Gegenteil von Dokumentation ist nicht Vergessen – es ist Wachsein
Die Bilder, die wir von Therapie haben, sind oft von Menschen, die in einem dunklen Sessel sitzen, einen Klemmer in der Hand und eine Liste auf dem Schoß. Aber manchmal ist das Gegenteil wahr: Die tiefsten Einsichten kommen, wenn man nichts aufschreibt. Wenn man nicht nach der richtigen Formulierung sucht, wenn man den Atem nicht zählt, wenn man einfach nur da ist. Nicht als Klient, nicht als Patient, sondern als Mensch, der sich selbst beobachtet – ohne Mittel, ohne Abstand.
Die Praxis von Petra Martende arbeitet mit dieser Intention. Kein elektronisches Protokoll, kein Absprachefolge, kein Feedback-Formular nach jeder Sitzung. Stattdessen: Beobachtung des Prozesses, Resonanz im Raum, Ruhe in der Spannung. Es funktioniert nicht nach dem Prinzip „Hier ist das Ziel, jetzt gehen wir dorthin“. Es funktioniert nach dem Prinzip: „Was ist hier gerade? Und kann es hier bleiben?“
Diese Art von Therapie verlangt Geduld. Sie ist nicht für Menschen, die hohe Ergebnisse im Kalender sehen wollen. Sie ist für diejenigen, die bemerken, dass manchmal die Stille zwischen zwei Atemzügen mehr sagt als fünf Minuten reden.
- Wer viel schreibt, merkt oft nicht, dass er sich dadurch von sich selbst distanziert.
- Der Wert einer Therapie steckt nicht in der Menge an gelernten Sätzen, sondern in der Tiefe der Begegnung.
- Manche Momente sind zu persönlich, um sie aufzubewahren – sie sind nur für den Moment gedacht.
- Echte Veränderung geschieht nicht im Archiv, sondern im Hören, Fühlen und Nicht-Wissen.
- Die eigentliche Arbeit findet oft in der Erinnerung an das Vergessen statt.
- Manche Gedanken wachsen nur, wenn sie nicht dokumentiert werden.
- Die beste Dokumentation ist der Mensch, der sich selbst nicht auswendig lernt.
